Forschung: Die Horgener Kultur
Bei »Ötzis« Zeitgenossen
Text: Dr. Urs Leuzinger, Amt für Archäologie Kanton Thurgau
Der Schweizer Archäologe Emil Vogt definierte 1934 nach charakteristischem Fundmaterial aus der Pfahlbausiedlung Horgen ZH Scheller am Zürichsee die sogenannte Horgener-Kultur. Gemäß dendrochronologischer Untersuchungen war diese von 3500 bis 2800 v.Chr. zwischen Genfer- und Federsee verbreitet. Horgenzeitliche Siedlungen finden sich nicht nur an Seeufern und in Moorgebieten, sondern auch im Hinterland und auf gut geschützten Anhöhen. Je nach Bodenbeschaffenheit und Überschwemmungsgefährdung hatten die Gebäude einen ebenerdigen oder abgehobenen Boden. Sie standen aber nie das ganze Jahr auf durchgehenden Plattformen im Wasser, wie das auf alten Gemälden häufig gezeigt wird. Anhand unzähliger Pflanzenreste und Tierknochen gelingt es den Archäobiologen, Wirtschaftsweise und Speisezettel der horgenzeitlichen Dorfbewohner zu rekonstruieren. Bedeutendster Eckpfeiler der produzierenden Wirtschaftsweise war der Getreideanbau: Nachgewiesen sind Gerste, Einkorn, Emmer und Hartweizen (»Spaghettiweizen«). Daneben wurden Lein, Schlafmohn und Erbsen kultiviert. Die Keramik der Horgener-Kultur ist relativ grob gefertigt, steilwandig, flachbodig und kaum verziert. Charakteristisch sind Kanneluren oder Lochreihen unterhalb des Randes. Betrachtet man die technologische Seite horgenzeitlicher Fundinventare, so fallen besonders die guten Materialkenntnisse der damaligen Handwerker und Handwerkerinnen sowie die optimale Ausnutzung der verfügbaren Rohmaterialressourcen auf. Ihre Textilien fertigten die Menschen aus Baumbast und Lein. Dabei wurden die ursprünglich wohl eingefärbten Fasern mit Spindel und Spinnwirtel zu Fäden versponnen und anschliessend auf Standwebstühlen zu Stoffen verarbeitet. Mit dem einzigartigen Fund der Eismumie »Ötzi« ist eine komplette Lederbekleidung aus der Zeit um 3300 v.Chr. überliefert. Im Gegensatz zur vorangegangenen Pfyner-Kultur konnten in den horgenzeitlichen Stationen kaum Objekte aus Kupfer gefunden werden, dennoch ist die Verarbeitung von Metall mehrfach nachgewiesen. Das begehrte und wohl wertvolle Rohmaterial wurde aus dem östlichen Alpenraum importiert. Relativ wenig wissen wir über die horgenzeitlichen Menschen, denn Skelettreste aus dieser Zeit, wie sie etwa in Feldmeilen ZH Vorderfeld entdeckt wurden, sind extrem selten. Etwas ältere Grabfunde belegen, dass die Leute etwa 150 bis 165 cm gross und selten mehr als 40 Jahre alt wurden. Es bestand zudem eine hohe Kindersterblichkeit; die mittlere Lebenserwartung betrug 20-25 Jahre. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 2 / 2004.
– Eine Geschichte des alten Ägypten
Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...
AiD-Lexikon:
Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...



