Forschung: Niedersachsen

Dorfleben vor 5000 Jahren

Text: Dr. Rainer Kossian und Dr. Petra Lönne, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

In den Jahren 1938 bis 1940 wurde am Dümmer, dem zweitgrößten Binnensee Niedersachsens, ein jungsteinzeitlicher Siedlungsplatz untersucht, der durch seine günstigen Erhaltungsbedingungen für organische Materialien seltene Einblicke in das Alltagsleben zur Zeit der Trichterbecherkultur und der Schnurkeramik gewährt. Das bei der Grabung gewonnene Fundmaterial ist aufgrund der fast vollständigen Untersuchung des Siedlungsplatzes und der in den Feuchtgebieten um den See vorherrschenden hervorragenden Erhaltungsbedingungen für organische Materialien außerordentlich umfangreich und vielseitig. Insgesamt wurden weit über 50000 Objekte geborgen, darunter rund 26000 Feuersteinartefakte, etwa 7000 bestimmbare Tierknochen und sonstige Tierreste sowie über 10000 Keramikfragmente, die vorwiegend der Trichterbecherkultur und älteren Schnurkeramik bzw. Einzelgrabkultur zuzuweisen sind. Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung sind auch die mehrere hundert Objekte umfassenden Geräte und Schmuckstücke aus organischen Materialien, also Knochen, Geweih und Holz. Nach dem derzeitigen Stand der Auswertung lässt sich aus den Funden und Befunden des Huntedorfes 1 ein mehrperiodiger Nutzungsverlauf des Platzes rekonstruieren, der sich mit längeren Unterbrechungen und unterschiedlicher Intensität über einen Zeitraum von mindestens 1300 Jahren erstreckt. Wahrscheinlich infolge einer allgemein zunehmenden Vernässung der Dümmerniederung an der Wende vom 4. zum 3. vorchristlichen Jahrtausend wurde der Platz dann während eines Zeitraums von etwa 200 bis 300 Jahren nur noch sehr selten aufgesucht. Eine erneute und besonders intensive Nutzung des Siedlungsplatzes erfolgte wohl während einer kurzfristigeren Trockenperiode zur Zeit der späten Trichterbecherkultur ab etwa 2900 v. Chr. Aus dieser Phase stammen der Großteil des Fundmaterials und wohl auch die meisten Hausbefunde. Vermutlich aufgrund klimatischer Veränderungen kam es dann im weiteren Verlauf der ersten Hälfte des 3. vorchristlichen Jahrtausends erneut zu einer Vernässung des Platzes, was schließlich ein weitgehendes Auflassen der Siedlung zur Folge gehabt hat. Dass der Platz aber auch noch in den nachfolgenden Jahrhunderten zeitweise eine große Standortattraktivität hatte, belegt ein bis in die nach-neolithische Zeit reichender Fundniederschlag. Die Dümmerniederung und die angrenzenden Moorgebiete stellen mit ihren hervorragenden Erhaltungsbedingungen ein archäologisches und umweltgeschichtliches Archiv ersten Ranges dar. Hier können umwelt- und kulturgeschichtliche Erkenntnisse in einer Vielfalt und chronologischen Kontinuität gewonnen werden, wie wir sie vergleichbar bisher nur von den Ausgrabungen in den süddeutschen und schweizerischen Seeufer- und Moorsiedlungen kennen. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 3 / 2003.

 

Diese Ausgabe ist nicht mehr erhältlich

 

Buchrezension:
Mumien, Tempel, Pharaonen

– Eine Geschichte des alten Ägypten

Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...


AiD-Lexikon:
Ethnogenese

Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...

Habelt