International: Afrika
Ein islamisches Reich am Tschadsee
Text: Dr. Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz und Dr. Karsten Brunk, Diplom Geograph, Uni Bayreuth.
Auch wenn die Wissenschaft durch neue Hominidenfunde immer wieder auf Afrika aufmerksam wird, so ist der Kontinent im Bewusstsein Vieler noch terra incognita. Das ist umso erstaunlicher, als schon seit langem eine intensive deutschsprachige Forschungstradition vor allem in die Länder südlich der Sahara besteht. Hauptziel waren die islamischen Metropolen Westafrikas, darunter auch die des Reiches Kanem-Borno, das sich im 11. Jh. um den Tschadsee gebildet hatte. Hier fanden zwischen 1992 und 2002 umfangreiche Untersuchungen statt, die auch wichtige Informationen zu den historischen Perioden lieferten. Erste Untersuchungen in der Hauptstadt Birni Gazargamo wurden in den 1960er-Jahren durch einen britischen Kollegen vorgenommen. Er legte mehrere Testschnitte im Zentrum der gewaltigen Metropole innerhalb der Mauern des Herrscherpalastes an. Die aus Lehm- und Strohhäusern bestehende Innenbebauung der Stadt ist heute völlig erodiert. Bei den Grabungen der 1960er-Jahre konnten jedoch die aus gebrannten Ziegeln bestehenden Umfassungsmauern des Palastes und einiger anderer öffentlicher Gebäude freigelegt werden. Gazargamo war von einem Wall umgeben, der heute noch die Landschaft dominiert. Von Gazargamo aus kontrollierten die Sultane von Borno den Fernhandel und organisierten die Expansion in das südliche Tschadbecken. Bei ihren Feldzügen stießen sie jedoch immer wieder auf den Widerstand der lokalen Bevölkerung, die sich unter dem Druck zu kleinen Königtümern zusammengeschlossen und befestigte, zentrale Siedlungen zur Verteidigung errichtet hatte. Vom 7. bis zum 12. Jh. lässt sich eine relativ einheitliche Keramik ausmachen, auch die Schichten des 14. bis 18. Jh. werden noch durch traditionelle Ware, die sich stilistisch bis an den Beginn der Späteisenzeit zurückverfolgen lässt, bestimmt. Ab dem 19.Jh. treten dann neue Formen und Ziertechniken auf, die ihren Ursprung in der damaligen Kernregion des Reiches, im Yobe-Tal haben. Das Reich Kanem-Borno bietet für die archäologische Forschung in Afrika ein ungeheures Potenzial. Dank der guten schriftlichen und archäologischen Quellenlage lassen sich hier beispielhaft alle für die historische Entwicklung der nördlichen Regionen des Kontinents so wichtigen Prozesse untersuchen, wie etwa Entstehung überregionaler Handelskontakte während des ersten nachchristlichen Jahrtausends, frühe Staatenbildung und Urbanisierung, Islamisierung und Kolonialisierung. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 1 / 2004.
Stuttgart: Theiss Verlag 2011, 224 S., 46 S/W-Abb., 24,95 Euro
AiD-Lexikon:
(lat. antecessor: Vorgänger): Die Datierung, die ihn zum frühesten bekannten menschlichen Bewohner...



