Fenster Europa: Grossbritannien

Der geheimnisvolle Bogenschütze

Text: Dr. Andrew P. Fitzpatrick, Wessex Archaeology, GB-Salisbury, Wiltshire

Im vergangenen Frühjahr rückte die in der westenglischen Grafschaft Wiltshire an den Ufern des Flusses Avon gelegene Kleinstadt Amesbury in den Mittelpunkt archäologischen Interesses. Bei Ausgrabungen hatte man hier, nur 5 km südöstlich von Stonehenge, eines der bemerkenswertesten Gräber der Glockenbecherkultur entdeckt: Den »Amesbury Archer«. Die Analyse dieser Bestattung könnte endlich den Schlüssel zur jahrzehntelang diskutierten Frage nach der Ausbreitung der Glockenbecherkultur in Europa liefern. Die Beigaben, die dem Toten mitgegeben worden waren - es handelt sich um die Ausstattung eines Jägers oder Kriegers sowie weitere Symbole seines gesellschaftlichen Ranges - entsprechen bereits bekannten Typen. Völlig untypisch ist dagegen ihre große Menge. Manche der Objekte lassen darauf schließen, was der als Bogenschütze bezeichnete Mann trug und womit er ausgestattet war. Vor dem Gesicht des Archer und hinter ihm sind zwei in ihrer Zusammensetzung vergleichbare Gruppen von Beigaben aufgedeckt worden, die sich aber in einem wichtigen Punkt unterscheiden: Während hinter dem Körper deponierte Flint-Werkzeuge in gebrauchtem oder gar zerbrochenem Zustand ins Grab gekommen sind, waren alle Beigaben der anderen Gruppe unbenutzt. Unter den gebrauchten Stücken fanden sich Gegenstände, die vermutlich aus dem persönlichen Besitz des Archer stammen wie ein vollständig mit Kammstich verzierter Becher, zwei Eberstoßzähne und ein kissenförmiger, schwarzer Stein, vielleicht ein Amboss zur Metallverarbeitung. Die bisher beschriebenen Beigaben sind überwiegend lokaler Herkunft. Ganz anders die Objekte, die vor den Knien des Bogenschützen lagen: Eine Armschutzplatte aus rotem Sandstein, ein dritter Dolch mit Griffzunge, ein einfacher Ring aus Schiefer (Kimmeridge Shale), der vermutlich Teil eines Gürtels war und zwei sog. Körbchenohrringe aus Gold. Bemerkenswerterweise stammt das Metall des Dolches aus Spanien, das Gold der sog. Körbchenohrringe aus Kontinentaleuropa. Auch Sandstein und Schiefer müssen aus über 50km Distanz herbeigeschafft worden sein. Offenbar war dem Toten ein zusätzliches, besonders kostbares Gewand vor die Knie gelegt worden. Das Grab des »Amesbury Archer« ist einerseits besonders früh für Britannien - die Radiokarbondatierung des Körpers erbracht einen Zeitraum von 2.400-2.200 v.Chr.-, andererseits ist es eines der »reichsten« dieser Epoche in Europa überhaupt. Allein die Menge der Beigaben, ihre frühe Entstehung und überdurchschnittliche Qualität sowie die Bezüge zwischen den Objekten machen diesen Fund zu einer Besonderheit und belegen die Bedeutung des Bestatteten. Das Vorkommen von drei Kupferdolchen in einem einzigen Grab beispielweise bleibt ohne Parallele, ebenso die Anzahl der Becher. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 4 / 2003.

 

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