Fenster Europa: Nordwest-Russland
Auf den Spuren früher Keramiktraditionen
Text: PD Dr. Detlef Gronenborn, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz
Seit fast 20 Jahren gräbt die Prähistorische Abteilung der Ermitage St. Petersburg in einer Fundregion am Mittel- und Oberlauf der Dvina nördlich von Smolensk. Dabei kamen und kommen am Ufer mehrerer, heute verlandeter Seen zahlreiche Fundplätze mit spitzbodiger Keramik zu Tage. Aufgrund von 14C-Untersuchungen lassen sich die frühesten Phasen dieser regionalen Keramiksequenz an das Ende des 7. Jt. datieren. Bislang liegen jedoch keine Anhaltspunkte für eine produzierende Wirtschaftsweise vor, auch scheinen die Fundplätze nur saisonal belegt gewesen zu sein. Bemerkenswerte Ergebnisse lieferte die Fundstelle Serteja 2. In den 1980er-Jahren begann man hier mit interdisziplinären Forschungen, die den Nachweis von drei Kulturschichten erbrachten. Zuunterst findet sich eine spätglaziale, alleröd-zeitliche Ablagerung mit charakteristischen Swidry-Spitzen (= Stielspitzen). Nach Ergebnissen eines Pollendiagramms aus unmittelbarer Nähe bestand die Vegetation zu dieser Zeit aus Fichten- und Birkenwäldern, die aber auch von offenen Flächen auf den höher gelegenen Geländerücken unterbrochen waren. Unmittelbar auf die allerödzeitliche Ablagerung aus dem 12. Jt. v. Chr. folgt in Serteja 2 eine kalkhaltige Gyttia (= Faulschlamm), die nach palynologischen Untersuchungen in das frühe Atlantikum (7. Jt.) datiert. Aus den untersten Lagen dieser Gyttia stammen die ältesten Keramikfunde. Es handelt sich um Fragmente von 10 bis 12 Gefäßen, die alle runde, selten spitze Böden mit geraden, hochgezogenen Wänden von 8-10mm Dicke aufweisen. Die Gefäße sind aus breiten Tonbändern aufgebaut und mit geometrischen Mustern verziert, die durch Einstiche angebracht wurden. Bislang steht diese nach dem nahe gelegenen Dorf Serteja benannte Keramiktradition ohne direkte Vergleiche im nordwestlichen Russland da. Interessant ist das Arbeitsgebiet nicht nur wegen der weit reichenden Verbindungen zu anderen Regionen Osteuropas, sondern auch hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die Verbreitung von Keramik. Diese gelangte von hier vermutlich weiter in den baltischen Raum und entlang der Ostseeküste in das Gebiet der Ertebölle-Kultur sowie weiter bis nach Swifterbant in den Niederlanden. Das erstaunlich frühe Auftreten von Keramik am Ende des 7.Jt. in Nordwestrussland löst viele Fragen aus, so auch die nach möglichen Kontakten vor 5200/5100, dem Auftreten von Keramik in der Ertebölle-Kultur. Hierzu kann bislang noch nichts gesagt werden. Aber eine Berücksichtigung der Rolle keramikführender Sammler-Jäger-Gemeinschaften des nordosteuropäischen Flachlandes im Zusammenhang mit der Einführung von Keramik in das nördliche Mitteleuropa dürfte weitere, interessante Überraschungen bringen. Schon jetzt kristallisiert sich anhand der Funde ein neues Bild weiträumig verbreiteter Keramiktraditionen heraus, die von den südostrussischen Steppen bis in das nordwesteuropäische Flachland reichen. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 6 / 2004.
– Eine Geschichte des alten Ägypten
Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...
AiD-Lexikon:
Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...



