Fenster Europa: Schweiz

Begraben auf engstem Raum

Text: Patrick Moinat, Crans-près-Céligny, Schweiz.

Die jungsteinzeitlichen Hockergräber vom Typ Chamblandes sind seit einem Zufallsfund von 1835 bekannt. Ihre Form ist relativ simpel: Ein steinerner Kasten unter der Erdoberfläche, der von vier Platten gebildet und mit einer großen fünften Platte bedeckt ist. In diesen engen, selten über einen Meter langen Räumen fanden eines oder mehrere auf der linken Seite kauernde Skelette Platz. Verbl üffend ist neben den vielfältigen Begräbnisweisen auch die mehr als tausendjährige Kontinuität dieser Bauweise, die seit der zweiten Hälfte des fünften und während des gesamten vierten vorchristlichen Jahrtausends rings um den Genfer See und im oberen Rhônetal vorherrscht. Genauere Erkenntnisse zur Begräbnispraxis lieferten die in den Neunzigerjahren untersuchten Gräberfelder von Chamblandes und Vidy (bei Lausanne) am Ufer des Genfer Sees. Bei Doppelbestattungen eines Erwachsenen und eines Kindes fiel die sehr präzise Positionierung der beiden Leichname auf. So wird das Kind regelmäßig mit dem Kopf auf den Armen oder auf der Hand des Erwachsenen gebettet. In einem einzigen Fall haben wir es mit einer gleichzeitigen Bestattung zu tun. Meistens aber deuten leichte Verschiebungen der Knochen darauf hin, dass die Körper nicht gleichzeitig ins Grab gelegt wurden. Fest steht, dass die Beisetzung eines Mannes bzw. einer Frau mit einem Kind häufig vorkommt und deren Lage in der Grabkiste genau festgelegten Regeln folgt. Die Inszenierungen oder Gruppierungen von Individuen innerhalb eines Grabes setzen sich vermutlich in einer planm äßigen Verteilung der einzelnen Gräber fort. In Lausanne-Vidy treten Statussymbole wie Artefakte aus grünem Felsstein gehäuft in einer Zone des Gräberfeldes auf. Sie sind alle gebrochen oder angeschlagen. Verschiedene Fragmente einer absichtlich zerbrochenen Steinaxt konnten sowohl in einer Bestattung mit »zentraler Persönlichkeit« als auch in einem nahe gelegenen Grubengrab entdeckt werden. Auffällig ist auch die Verteilung der Mehrfachbestattungen: Während Einzel- oder Doppelgräber fast überall auftreten, finden sich solche mit mehr als zwei Individuen nur im Zentrum des Gräberfeldes. Unsere Kenntnis der Gräber vom Typ Chamblandes hat sich in den letzten Jahren vor allem dank verbesserter Grabungstechniken beträchtlich vertieft. So sind die unterschiedlichen Bestattungssitten und deren Regeln gut erforscht. Neue Informationen müssten hingegen aus dem Kontext, in dem die Gräber liegen, und aus den Gesamtplänen der Gräberfelder gewonnen werden. Generell würde das Verständnis der neolithischen Grab- und Bestattungssitten in der Westschweiz einen breiteren geografischen Ansatz und - dreißig Jahre nach der letzten Synthese zu diesem Thema- eine erneute Sichtung der Grabbeigaben aus Gräbern vom Typ Chamblandes erfordern. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 6 / 2003.

Buchrezension:
Die Römer im Rhein-Main-Gebiet

Stuttgart: Theiss Verlag 2011, 224 S., 46 S/W-Abb., 24,95 Euro


AiD-Lexikon:
Homo antecessor

(lat. antecessor: Vorgänger): Die Datierung, die ihn zum frühesten bekannten menschlichen Bewohner...

Habelt