Fenster Europa: Skandinavien
Fahle Sonne und Opfergold
Text: Morten Axboe M.A., Archäologe, Nationalmuseum Kopenhagen
»Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie ganz verfinstert sei. Außerdem war ihr Licht nicht rein und so wie gewöhnlich.« Dies schreibt der oströmische Historiker Prokopios über das Jahr 536. Er hatte das Phänomen selber erlebt, hielt es für ein »gar furchtbares Zeichen« und fügt hinzu: »Seitdem aber dieses Zeichen zu sehen war, hörte weder Krieg noch Seuche noch sonst ein Übel auf, das Menschen den Tod bringt.« Ein weiterer zeitgenössischer Autor, der Römer Flavius Cassiodorus, beschreibt ebenfalls, wie die Sonne ihr übliches Licht verlor und eine bläuliche Färbung annahm. Nicht einmal um die Mittagszeit warfen die Menschen Schatten, und dieser Zustand dauerte nicht wie eine Sonnenfinsternis nur kurze Zeit, sondern ein ganzes Jahr, sodass die Kälte zu Missernten führte. Auch in Skandinavien muss die verfinsterte Sonne wie im Mittelmeerraum gewirkt haben, nämlich mit sommerlichem Frost, was eine Katastrophe für die Ernte bedeutete. Aus Funden und späteren schriftlichen Quellen wissen wir, dass die Bevölkerung des heidnischen Nordens vor allem durch Opfer versuchte, Kontakt zu den Göttern aufzunehmen. Bei im Boden entdeckten Goldfunden lässt sich nicht immer eindeutig sagen, ob wir es mit einem verlorenen Gegenstand, einem Opfer oder einem Schatz zu tun haben, der in unsicheren Zeiten dort vergraben wurde - die Erde war schließlich das Einzige in der Frühzeit bekannte Bankschließfach. Wir können davon ausgehen, dass die Menschen verzweifelt waren. Sie fürchteten den Weltuntergang und setzten sicher alles ein, um diesen abzuwenden. Zusammen mit Menschen waren Goldringe, Mundbleche und Brakteaten das Kostbarste, was überhaupt geopfert werden konnte - sie bedeuteten schließlich nicht nur Reichtum, sondern auch magischen Schutz. Und vielleicht konnte das Gold ja helfen, der Sonne ihren Glanz zurückzugeben. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 2 / 2003.
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