Titelthema: Die Helvetier

Gräber, Religion und Kult

Text: Gilbert Kaenel, Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne

Im Laufe der ersten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. wurden die Flachgräberfelder aufgegeben, nachdem einige davon fast 300 Jahre lang belegt worden waren. Die Auflassung der Gräberfelder, in denen die Ahnen ruhen, ist ein tief gehender Bruch in einem gesellschaftlichen Kernbereich, ebenso einschneidend wie einige Jahrhunderte zuvor die Aufgabe der Grabhügel mit Brand- und Körperbestattungen. Unterstrichen wird dieser Umsturz noch durch einen Wechsel der Formensprache bei den Fibeln und der Keramik, wie zwei in Bern-Reichenbachstrasse (1998/99) und Lausanne-Vidy (1989/90) ausgegrabene Friedhöfe in verblüffender Übereinstimmung aufzeigen. Man könnte natürlich versucht sein, diesen Bruch in den Bestattungssitten als Bevölkerungswechsel zu deuten, ebenso gut könnten aber auch tief greifende Veränderungen in der Gesellschaft dafür verantwortlich gemacht werden, eine Erscheinung, die wir für diese Zeit auch aus anderen Regionen der keltischen Welt kennen. In der Tat fällt der Wechsel in der Behandlung der Toten mit dem Erscheinen der Oppida zusammen, also mit der Neuordnung und Zentralisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten durch eine neue proto-urbane Lebensform. Im Heiligtum von La Tène, das einer ganzen Epoche seinen Namen gegeben hat, fanden vom 3. bis zum Beginn des 2. Jh. v. Chr. Opferhandlungen statt. Die um drei bis vier Generationen jüngeren Funde von Cornaux-Les Sauges, nicht weit von La Tène entfernt und ebenfalls an der Thielle, sind wie diejenigen aus Port/Kanton Bern in einem ähnlichen kultischen Zusammenhang zu erklären, denn auch in diesen Fällen wurden offenbar Trophäen aus menschlichen Körpern sowie Waffen aufgestellt. Der «Massenfund» von der Tiefenau, wo tausende von Opfergaben und Kriegstrophäen geborgen wurden, bezeugt ein Heiligtum in der ältesten Siedlungszone der Berner Engehalbinsel, dabei hat man den größten Teil der Opfergaben noch in der Zeit von La Tène geweiht, aber zusammen mit einigen jüngeren Objekten erst gegen 100 Jahre später vergraben. Gerade so selten wie die Bestattungen sind auch kultische Befunde aus dem 1. Jh. v. Chr. In der Nähe des Zugangs zum Oppidum von Yverdon-les-Bains wurde im Graben, unter dem Schutt des um 50 v. Chr. (also gleich nach dem gallischen Krieg) geschleiften Walles eine 70 cm hohe Eichenstatue gefunden, zusammen mit Unterkieferhälften und Schulterblättern von etwa 35 Rindern. Offensichtlich handelt es sich um Überreste von rituellen Handlungen, die uns einmal mehr aus anderen Regionen Galliens gut bekannt sind. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 3 / 2003.

 

Diese Ausgabe ist nicht mehr erhältlich

 

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