Brennpunkt: 150 Jahre Pfahlbauarchäologie
Meilenstein der Archäologie
Text: Marc-Antoine Kaeser und Samuel van Willigen, Schweizerisches LM, Zürich
Die Entdeckung der Pfahlbauten 1854 war nicht nur eine archäologische Sensation, die weit über die Schweizer Grenzen hinaus eine gewaltige Resonanz hatte, sie trug auch entscheidend zur Entstehung der modernen Archäologie bei. Darüber hinaus spielten die Pfahlbauer eine äußerst wichtige politische und ideologische Rolle für den Schweizerischen Bundesstaat, der kurz nach seiner Gründung 1848 identitätsstiftende Mythen brauchte. Es dauert nicht lange, bis die Politik die Pfahlbaueuphorie wahrnimmt und einen Weg findet, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die Faszination für die Pfahlbauten fällt in Europa mit einer Zeit radikaler wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen zusammen. Dieser Umbruch schürte in der Gesellschaft ein Gefühl der Unsicherheit, dem man auch durch den Blick auf eine scheinbar unkomplizierte und glückliche Vergangenheit entgegenzuwirken versuchte. In der Schweiz kamen noch handfeste, politische Interessen hinzu. Nach dem Bürgerkrieg von 1847 (dem Sonderbundskrieg) und inmitten Europas mit seinem heraufkommenden Nationalismus brauchte die junge, 1848 gegründete, und pluriethnische Eidgenossenschaft dringend das, was man heutzutage Integrationsfiguren nennt. Die Folgen der Entdeckung von Obermeilen sind aber auch im wissenschaftlichen Bereich deutlich spürbar. Für die damals noch junge Disziplin Archäologie, die sich bis dahin vornehmlich mit Grabfunden beschäftigen musste, wird nun die Welt der Lebenden fassbar. Durch ihre außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen liefern die im feuchten Seegrund entdeckten Objekte erstmals einen detaillierten Einblick in die Alltagskultur eines prähistorischen Dorfes. Nun können neue, ehrgeizige Fragestellungen entworfen werden. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Rekonstruktion der prähistorischen Lebensweise. Dies erfordert wiederum den Einsatz neuer Methoden und bildet den Anstoß, der zur Entwicklung von zahlreichen Disziplinen führt, die heute immer noch zu den Grundfesten jeglicher archäologischen Arbeiten gehören: Die Archäobotanik, die Archäozoologie und das was später experimentelle Archäologie und Archäometrie genannt wird. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 2 / 2004.
– Eine Geschichte des alten Ägypten
Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...
AiD-Lexikon:
Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...



