International: Mesopotamien
Roms Grenze im Zweistromland
Text: Dr. Andreas Oettel, örtlicher Grabungsleiter in Tell Dgherat-Süd und wissenschaftlicher Referent an der Zentrale des DAI, Berlin.
Als Rom im Jahre 64 v. Chr. das bisher seleukidische Syrien zur römischen Provinz machte, entstand zum Schutz gegen die Parther im Osten unmittelbar am Zweistromland Mesopotamien eine Verteidigungslinie. Zahlreiche römische Kastelle und Festungsstädte liegen noch heute als Zeugnisse dieser Grenzziehung zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. In Tell Dgherat-Süd in Ost-Syrien wird im Angesicht eines stetig steigenden Stausees versucht, möglichst viele Informationen über einen dieser befestigten Grenzorte zu erlangen, bevor er in den Fluten versinkt. Bislang ist ein etwa 100 km langer Abschnitt des spätantiken römischen Limes in der syrischen Wüste archäologisch untersucht. Dabei konnten mithilfe von Luftbildauswertungen, Vermessungen vor Ort und dem Sammeln und Auswerten von Keramikmaterial weit reichende Erkenntnisse gewonnen werden. So lagen etwa an der Straße zwischen der Oasenstadt Palmyra und dem Euphrat drei in der Zeit Diokletians (284-305 n.Chr.) errichtete Legionslager, zwei größere und sechs kleinere Kastelle sowie mehrere Wachtposten. Im nördlichen Abschnitt des Unteren Habur fanden seit den 80er-Jahren zahlreiche Grabungen statt, da hier ein Stausee im Entstehen ist, dessen Fluten viele Tells überspülen werden. Fast alle Unternehmungen galten jedoch Siedlungen der altorientalischen Epochen. Einige wurden schon im Winter 1998/99 vom Stauseewasser überspült. Sozusagen in letzter Minute entschloss man sich daher zur Ausgrabung einer befestigten Siedlung der Spätantike. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Anlage auf der Zitadelle um ein an die landschaftlichen Gegebenheiten, d.h. den natürlich anstehenden Steilabfall angepasstes Kastell, das eine Ecke der befestigten Siedlung bildet. Die gesamte Anlage bestand, von einigen Baugliedern wie Säulenbasen oder Kapitellen aus Gips- oder Kalkstein abgesehen, aus ungebrannten Lehmziegeln, die ohne Sockel direkt auf den anstehenden Fels gesetzt wurden. Die Verwendung von Lehmziegeln als Baumaterial etwa bei Palästen oder Festungen hat im Alten Orient eine lange Tradition. Ein völlig neues und bisher überhaupt nur in der Region des Unteren Habur belegtes Phänomen ist die Versetzung der Lehmziegel mit einem extrem hart abbindenden kalkhaltigen Mörtel, der im Gegensatz zu den Lehmziegeln sehr beständig ist. Er sorgte für eine größere Festigkeit und bei entsprechender Pflege der anfälligen Sockelbereiche auch für eine längere Haltbarkeit. Ob es sich bei Tell Dgherat-Süd um eine ebenso uneinnehmbare Festung wie das »gleich einer Insel« umspülte Kirkesion gehandelt hat, mag bezweifelt werden. Wahrscheinlich war es ein kleinerer, auf einem natürlichen Steilabhang günstig gelegener Standort. Dennoch gibt uns dieser von der Zerstörung bedrohte Ort Einblick in ein sonst weit gehend unbekanntes Kapitel des Limes im Orient. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 5 / 2003.
– Eine Geschichte des alten Ägypten
Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...
AiD-Lexikon:
Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...



