International: Mittelasien

Silber für Europa

Text: Prof. Dr. Heiko Steuer, Direktor Institut für Ur- und Frühgeschichte, Freiburg

Im 10. Jh. wuchs der Bedarf an Silber für die Wirtschaft sprunghaft an. Während man in Mitteleuropa das kostbare Gut entweder importieren oder mühsam aus Bergwerken gewinnen musste, war es in Skandinavien und bei den Slawen östlich der Elbe reichlich vorhanden. Von Mittelasien gelangte das Erz über die russischen Stromtäler des Wolgagebiets bis zur Ostsee. Ein Forschungsprojekt hat sich auf Spurensuche begeben und das Phänomen der frühmittelalterlichen Silberströme untersucht. Als »Versuchsobjekte« fungierten zerschnittene Münzen, die mit herkömmlichen chemischen Methoden auf ihre Zusammensetzung hin analysiert wurden. In der Regel enthalten Münzen aus zahlreichen Bergwerken Mittelasiens keine oder nur geringste Goldspuren, während westliches Silber immer einen gut messbaren Anteil an diesem Edelmetall aufweist. Werden Münzen einer bestimmten Zusammensetzung eingeschmolzen und - unvermischt etwa mit anderem Silber - umgeprägt oder umgegossen, dann müsste diese typische Zusammensetzung noch zu erkennen sein. Bei den analysierten Stücken handelt es sich zur Hälfte um europäische Münzen des Mittelalters, und zur Hälfte um arabische, so genannte kufische Münzen. Es hat sich bestätigt, dass einige Serien der Otto-Adelheid-Münzen aus mittelasiatischem Silber hergestellt wurden, vielleicht auch aus Silber der Wolgabulgaren in Russland, die - schon übergetreten zum islamischen Glauben - eigene Münzen mit arabischer Beschriftung prägten, aber dazu ebenfalls das mittelasiatische Silber verwendeten. Nach den Münzanalysen folgte dann der zweite Schritt, die Untersuchungen in Mittelasien selbst, wo man den Ursprüngen des Silbers nachging. Den Anfang machte 1994 eine Konferenz in Chodchend, Tadschikistan zu »Geschichte und Perspektiven der Bergbauindustrie in Mittelasien«, verbunden mit Exkursionen zu mittelalterlichen Erzbergwerken zwischen Syrdarja und Amudarja, von Buchara bis Taschkent und Pendschikent. Weitere Reisen führten zu den Museen mit ihren Funden und den Bergwerken in Uzbekistan. Denn die auf den Münzen des 10. Jh. genannten Bergwerke sind alle zu lokalisieren. Sie liegen im heutigen Afghanistan, in Badakhshan; in Usbekistan, z.B. bei ash-Shash, dem heutigen Taschkent; im Ferganatal, im östlichen Usbekistan, oder in Tadschikistan. Im Bergwerk Kutschbulack südöstlich der Straße zwischen Almalyk und Angren, nahe der Grenze zu Tadschikistan, wurden durch den modernen Abbau alte Tagebaue und Stollen bis zu einer Tiefe von 200 m angeschnitten. An der Oberfläche sind diese aber kaum mehr sichtbar. Funde, darunter Keramik und Münzschätze, bezeugen die mittelalterliche Zeitstellung des Abbaus. Derzeit werden im Mittelasiatisch-Geologischen Forschungsinstitut Taschkent diese Befunde registriert und die Zusammensetzung der Erze in den Lagerstätten untersucht. Zukünftige Aufgabe ist die Analyse der Erzproben aus den auf den Münzen genannten Bergwerken, um den unmittelbaren Vergleich zwischen Lagerstätte und Münze zu erhalten. Doch ist nicht regelhaft damit zu rechnen, dass der Brückenschlag zwischen dem Erz aus diesen Bergwerken und der Zusammensetzung der Münzen gelingen muss; denn zwischen beiden liegen metallurgische und prägetechnische Prozesse, die mancherlei Veränderungen bewirkt haben können. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 5 / 2004.

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