Titelthema: Pfeil und Bogen

Tod durch Pfeilschuss

Text: Dr. Jörg Orschiedt, Archäologisches Institut Universität Hamburg.

Pfeil und Bogen wurden vermutlich schon frühzeitig nicht nur zur Jagd, sondern auch als Fernwaffe bei Kampfhandlungen eingesetzt. Über den Verlauf solcher Auseinandersetzungen kann nur spekuliert werden, konkrete Hinweise gibt es so gut wie gar nicht. Dennoch belegen eingeschossene Projektile in den Knochen steinzeitlicher Menschen, das Pfeil und Bogen schon damals als »Kriegswaffe« verwendet wurden. Aus dem italienischen Epigravettien (13 000 bis 12 000 Jahre vor heute), einer spätpaläolithischen Kulturgruppe, kennen wir zwei Fälle von in den Knochen eingeschossenen Projektilen, die ziemlich sicher als Pfeilspitzen interpretiert werden können. Es handelt sich dabei um das erst etwa vier Jahre alte Kind aus der berühmten Doppelbestattung der Grotte des Enfants (Grotta dei Fanciulli) in Ligurien, bei dem in einem Brustwirbel eine Feuersteinspitze entdeckt wurde sowie um die Bestattung einer Frau in San Teodoro, Sizilien. Während das Kind an seiner Verletzung starb, sind bei der Frau, die eine Pfeilspitze im rechten Hüftknochen hatte, eindeutige Heilungsspuren zu erkennen. Mit Beginn der Sesshaftigkeit und stark gestiegenen Bevölkerungszahlen im Neolithikum erhöhte sich auch das Risiko von gewaltsamen Konflikten zwischen den Gemeinschaften. Dabei spielte vermutlich der Kampf um Ressourcen eine entscheidende Rolle, ein Faktor, der bei Jäger- und Sammlergesellschaften noch keine Bedeutung hatte. Die klarsten Hinweise auf Konflikte dieser Art liegen aus dem Frühneolithikum vor. Zahlreiche Einzelfälle von Individuen mit eingeschossenen Projektilen oder tödlichen Hiebverletzungen durch Steinbeile, besonders aber Massengräber wie das von Talheim und das Erdwerk von Schletz belegen das Ausmaß, das Konflikte dieser Art annehmen konnten. Der vermutlich prominenteste Einzelfall einer Verletzung durch einen Pfeilschuss stammt aus dem Endneolithikum. An der Gletschermumie vom Tisenjoch konnte mittels computertomografischer Untersuchung im Bereich der linken Schulter eine tief eingedrungene Silexpfeilspitze entdeckt werden. Der Einschusskanal lässt sich über eine Perforation der Haut und einen Lochdefekt im Schulterblatt nachvollziehen. Demnach muss der Schuss auf »Ötzi« aus einer tieferen Position auf die linke Rückenseite abgegeben worden sein. Da die relativ große Spitze von 27 mm Länge und 18 mm Breite mit Widerhaken versehen war, konnte sie der Verwundete nicht selbst entfernen. Durch den Schuss waren zwar wichtige Blutgefäße durchtrennt, aber keine lebenswichtigen Organe verletzt worden, weshalb »Ötzi« zunächst die Flucht gelang. Erst später ist der Tod durch starken Blutverlust und Erfrieren auf dem Tisenjoch eingetreten. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 6 / 2004.

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