Forschung: Ulm - Neue Strasse

Unterirdisches »Stadtarchiv«

Text: Dr. Andrea Bräuning, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg

Ulm zählt zu den wichtigsten mittelalterlichen Fundorten in Baden-Württemberg. Dies belegt auch die neue Großgrabung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg in der Neuen Straße. Unter den Asphaltschichten einer mehrspurigen Stadtautobahn liegen hier in noch ungestörtem Zustand Reste der frühmittelalterlichen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Bebauung. Sie zeigen beispielhaft wie im Umfeld einer karolingischen Pfalz mit suburbium eine mittelalterliche Stadt entstand und gewachsen ist. Bei ersten Grabungen im wirtschaftlichen Zentrum der spätmittelalterlichen Stadt wurden Teile der ehemaligen »Langen Straße«, also der alten Hauptachse mit dem südlich anschließenden Markt und seiner östlichen und westlichen Bebauung freigelegt. Dabei stieß man auf Reste der ältesten Holzbebauung, darunter 32 Grubenhäuser, sowie ein 4 m x 5,5 m großer zweischiffiger Hallenbau in Pfostenbauweise. Drei Häuser wiesen vorgelagerte Zugänge auf. Funde aus dem handwerklichen Bereich wie Webgewichte, eine Bügelschere, bearbeitete Knochen und Lederreste deuten auf Werkstätten hin. Unter der ehemaligen »Langen Straße« konnte bisher auf einer Länge von 250 m in Einzelprofilen eine bis zu 10 m breite Wegverbindung mit sieben Pflasterungen aus Flusskieseln und Kalkbruch nachgewiesen werden. Stellenweise fanden sich Befestigungen aus Ast- und Reisigteppichen sowie Bohlen mit senkrechten hölzernen Stützpfosten. Verlauf und Breite der Straße bestätigen, dass es sich um die alte West-Ost-Verbindung und spätere Reichsstraße handeln muss, denn nach dem Schwabenspiegel sollten »des kuniges strazen … sehzehen schuhe wit sin« (ein Schuh entspricht ca. 30 cm), damit ein Fuhrwerk dem andern ausweichen konnte, was auch für den alten Handelsweg durch die Stadt zu gelten hatte. Die Ausgrabungen lieferten auch wichtige Hinweise zur Geschichte des Marktplatzes. So reicht etwa der 1945 zerst örte nördliche Abschnitt des Ulmer Marktplatzes bis ins Hochmittelalter zurück. Bisher konnten auf der »Neuen Straße« acht Steinhäuser freigelegt werden. Die als Schalenmauerwerk errichteten Untergeschosse besaßen wahrscheinlich Balkendecken und waren vom Marktplatz her über so genannte Kellerhälse zugänglich, was eine Nutzung als Kaufkeller nahe legt. Die Grabung an der »Neuen Straße« zeigt, welche Möglichkeiten Flächengrabungen selbst in einer Stadt, in der jahrelang geforscht wurde, bieten. So konnte erstmals die östliche Pfalzbefestigung gefasst und der Umfang der Pfalz in groben Zügen rekonstruiert werden. Die Befunde reichen von präurbanen Siedlungsstrukturen - die frühe Holzbebauung der an der alten Fernstraße gelegenen Marktsiedlung - bis zur mittelalterlichen Steinstadt. Über die »suburbia« der Pfalz und angelehnt an den Pfalzhügel entstand im ausgehenden 12. Jh. die staufische Stadt, welche im 14. Jh. nochmals erweitert und mit einer neuen Ummauerung versehen wurde. Erst im 19. Jh. wuchs die Stadt über den spätmittelalterlichen Befestigungsring hinaus. (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 5 / 2003.

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