Titelthema: 20 Jahre AiD
Von Löwenmenschen und Elfenbeinfiguren
Text: Prof. Ph. D. Nicholas J. Conard, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Uni Tübingen.
Die archäologisch-geologischen Höhlenforschungen im Karst der Schwäbischen Alb blicken auf eine lebendige, über 125 Jahre alte Tradition zurück. Von dort stammen auch die derzeit ältesten Kunstobjekte des jungpaläolithischen Aurignacien, einer vor etwa 40000 Jahren in weiten Teilen Europas beheimateten Kulturgruppe. Rasante Fortschritte in der Grabungsmethodik, neue Forschungsansätze und spekakuläre Funden haben gerade in den letzten beiden Jahrzehnten unser Wissen um jene Frühzeit des modernen Menschen entscheidend erweitert. Vor 20 Jahren hatten wir wenig Informationen über die Zeitstellung der schwäbischen Fundplätze. Es gab zwar einige auf herkömmlichen Radiokohlenstoffuntersuchungen basierende Untersuchungen, diese waren aber, wie man mittlerweile weiß, nicht ideal und haben oft falsche Ergebnisse geliefert, da sie an großen Proben aus gemischten Knochen durchgeführt wurden. Jetzt mit 14C-Datierungen können Proben von wenigen Milligramm direkt untersucht werden. Dadurch lassen sich seit einigen Jahren kleine und wertvolle Funde bestimmen, ohne dass nennenswerte Mengen dafür geopfert werden müssen. Auf diese Weise konnten etwa die berühmten Menschenknochen aus dem Vogelherd datiert werden. Sie stammen aus dem Spätneolithikum und nicht, wie eigentlich erwartet, aus einer Zeit vor 30 000 Jahren. In den letzten Jahren wurden auch andere Datierungsverfahren wie die Thermoluminescenz und Elektron-Spin-Resonanz-Methode weiter entwickelt. Damit können wir mit hoher Gewissheit sagen, dass das Schwäbische Aurignacien etwa 30 000 bis 40 000 Jahre vor unserer Zeit anzusiedeln ist. Folglich gab es auch unerwartet früh kulturelle Entwicklungen in der Region und manche wichtige technologische und stilistische Ausprägung des Aurignacien fand vermutlich im mittleren und oberen Donautal statt. Diese Erkenntnis führte zur sogenannten Donau-Korridor-Hypothese, bei der die Donau als wichtige Route für Kommunikation und Migrationen im frühen Jungpaläolithikum gilt. Obwohl wir keineswegs ausschließen wollen, dass Neandertaler bei der kulturellen Umbruchsituation vor 40 000 Jahren eine Rolle spielten, so ist doch auffallend, dass zu der Zeit, als moderne Menschen erstmals nach Europa eingewandert sind, viele wichtige Elemente des Jungpaläolithikums entstanden sind. Innerhalb dieser Entwicklung spielen die Höhlen der Schwäbischen Alb eine besondere Rolle. Nirgendwo sonst findet man zu einem so frühen Zeitpunkt zahlreiche Belege für diverse Schmuckformen, Musikinstrumente und eine einmalige figürliche Kunst. Dieser besondere Stellenwert der Region für die Anfänge des Jungpaläolithikums und das Aurignancien ist zum Teil durch die neuen wissenschaftlichen und grabungstechnischen Entwicklungen bedingt. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 5 / 2004.
– Eine Geschichte des alten Ägypten
Stuttgart: Theiss Verlag 2012, 324 S., 19 Abb., 2...
AiD-Lexikon:
Abgeleitet von »gr. ethnos« (= Volk) und »genesis« (= Entstehung). Je nach Forschungsgegenstand von...



