Forschung: Domplatzgrabung Magdeburg
Wenn der Stein ins Rollen kommt ...
Text: Rainer Kuhn M.A., Brigitta Kunz M.A., Dr. Babette Ludowici, Dr. Heike Pöppelmann, Dr. Matthias Puhle, Dr. phil. habil. Thomas Weber
Magdeburg ist wie kein anderer Ort mit Leben und Wirken Ottos des Großen verbunden. Unter seiner Herrschaft (936-973) entwickelte sich der Handelsplatz an der Elbe zu einem führenden Erzbistum des Reiches. Im Rahmen eines DFG-geförderten Forschungsprojekt werden seit 5 Jahren die Ergebnisse einer in den 60er-Jahren begonnenen Grabung am Domplatz ausgewertet. Dabei kam man zu erstaunlichen Erkenntnissen, die nicht nur eine Kaiserpfalz »zum Einsturz brachten«, sondern auch neue Großgrabungen nach sich zogen. Nach dem Ende der Grabungen Nickels 1968 war das s üdliche Stadtzentrum Magdeburgs zwischen dem Kloster Unser Lieben Frauen und dem gotischen Dom kein Schwerpunktbereich archäologischer Geländearbeit mehr. Kleinere Grabungsschnitte lieferten nur punktuellen Erkenntniszuwachs zur Frühgeschichte der Stadt. Die Situation änderte sich grundlegend mit dem Bauboom nach der politischen Wende. Zwischen Landtag und Dom, Breitem Weg und Elbufer gelangen dem Landesamt für Archäologie spektakuläre Entdeckungen. So legte man etwa an der Ostseite des Domplatzes Reste des erzbischöflichen Palastes aus der Zeit vor der Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg frei. Bauarbeiter entdeckten unmittelbar neben dem »Nickelbau« im August 2001 ein ungewöhnliches Grab, das nach dendrochronologischen Untersuchungen in das 3. Viertel des 10. Jh. datiert. Das gemauerte Grab hatte eine für jene Zeit ungewöhnlich aufwändige Bauweise und außerordentlich gut erhaltene Sarghölzer. Auch der Kirchenbau des 10. Jh. konnte weiter nach Osten verfolgt werden. Seine Fundamentausbruchgr äben sind bis zu 3,20 m breit. Da diese Ausbruchgräben sehr exakt die ehemalige Fundamentstärke wiedergeben, muss sich hier ein gewaltiges Bauwerk befunden haben. Abgesehen von den pr ächtigen Kirchenbauten, ist der archäologische Kenntnisstand zur »königlichen Stadt« Ottos des Großen mager. Die Siedlungsbefunde der Kunz-Grabung - Befestigungsgraben und Grubenhäuser - bringen neue bisher unbekannte Facetten der frühstädtischen Strukturen zum Vorschein. So verläuft parallel zu den zwei schon bekannten Gräben auf dem Domplatz ein neuer dritter Befestigungsgraben im Abstand von 75 m. Inner- und außerhalb des Grabens liegen Grubenhäusern des 9. bis 11. Jh. Sie sind quadratisch bis rechteckig, ca. 1 m ins Erdreich eingetieft und meist mit Feuerstellen in einer Gebäudeecke ausgestattet. Webgewichte und Schlacken liefern den Hinweis auf Gewerbe in den Häusern. War der Graben immer eine Befestigungsanlage zum Schutz nach außen? Oder war er irgendwann ein Geländemerkmal, eine Trennlinie zwischen Burg und Vorburg? Die nahe Lage der Grubenhäuser scheint Letzteres zu bestätigen. (...)
Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 6 / 2003.
Stuttgart: Theiss Verlag 2011, 224 S., 46 S/W-Abb., 24,95 Euro
AiD-Lexikon:
(lat. antecessor: Vorgänger): Die Datierung, die ihn zum frühesten bekannten menschlichen Bewohner...



