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Lochstab

Von: Dr. Leif Steguweit

Längliches, relativ großes, weitgehend an der Oberfläche überarbeitetes Objekt aus Geweih oder Elfenbein, das an seinem dickeren Ende durch eine oder mehrere Durchbohrungen gekennzeichnet ist. L. sind im Jungpaläolitikum in West- und Mitteleuropa verbreitet.

Im Aurignacien treten die ersten L. auf und reichen bis in das Magdalénien. In Frankreich sind L. aus Rengeweih, vereinzelt aus Hischgweih; in Mitteleuropa (Vogelherd, Geissenklösterle, Brillenhöhle) sind sie meist aus Elfenbein. Bei der Verwendung von Rengweih werden vollständig abgetrennte Abschnitte aus dem unteren Teil von großen Geweihstangen benutzt. Die Oberfläche des L. kann vollständig geglättet sein oder die ursprüngliche Oberfläche des Geweihs besitzen. Da Elfenbein wesentlich stabiler ist, werden bei dieser Variante auch dünnere Querschnitte verwendet. Die Oberfläche ist hier gewöhnlich vollständig geschnitzt und weiter bearbeitet. Die Durchbohrung bei L. ist doppelkonisch und erfolgt meist an dem Ende des verdickten Bereiches.

L. zählen zu auffälligen Objekten, denen aufgrund ihrer besonderen Form und der meist oberflächig gravierten Verzierungen eine exponierte Funktion zugerechnet wird. Die Verzierungen auf L. beinhalten oft Tierdarstellungen von Mammut, Fisch, Hirsch, Pferd, Ren, Steinbock und Bison, oder auch ornamentale Zeichen. Interpretationen der Funktion reichen von Kommandostab, Zauberstab, Szepter, Rentierknebel, Zelthering, Schlittenzubehör, Fibel, Spitzhacke bis zu Deflorationsinstrument. Die aus einem Männergrab stammenden 2 L. von Arene Candide sind mit Phalli verziert und werden daher als Männerwerkzeuge gedeutet. In Nordamerika werden von Indianern und Inuit ähnliche Lochstäbe zum Geradebiegen von Pfeilschäften genutzt.

 

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Zahnformel

Auch Gebissformel oder Zahnschema genannt.