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Mesolithikum

Von: Dr. Leif Steguweit
9600–5500/4300 v. Chr. (griech. mesos: in der Mitte, mittlere, lithos: Stein, dt.: Mittelsteinzeit): Begriff 1874 von Otto Martin Torell eingeführt (im romanischen Sprachgebrauch: Epipaläolithikum).

Letzte wildbeuterisch lebende Kulturen des nördlichen Europas nach dem Ende der letzten Eiszeit, ab dem Beginn des Holozäns um ca. 9600 v. Chr. Verbreitung von den Britischen Inseln bis Nordrussland. Das Ende des M. ist regional verschieden, da es durch die Einführung der neolithischen Wirtschaftsweise definiert wird: in Süddeutschland etwa 5500 v. Chr., in Norddeutschland mit dem Beginn der Trichterbecherkultur um 4300 v. Chr. Das M. umfasst das Präboreal, das Boreal und den ersten Teil des Atlantikums.

Siedlungen/ Wirtschaftsweise: Subsistenz durch Jagd und Sammelwirtschaft; die Lagerplätze wurden über Jahre hinweg saisonal immer wieder genutzt. Erste Nachweise von importiertem Getreide im Spätmesolithikum. Einbäume und Paddel, Fischerei mit Netzen aus Bast und Birkenrindengefäße erstmals im M. nachgewiesen.

Gräber: Die zunächst seltenen Bestattungen werden im Verlauf des M. zahlreicher. Bestattet wurde v.a. im Freiland, sowohl in Siedlungen als auch auf Gräberfeldern. Zumeist Einzelbestattungen, in gestreckter Rückenlage, aber auch aufrecht sitzend (Oleni Ostrow, Karelien); selten Doppel- oder Mehrbestattungen oder Brandbestattungen. Ebenso Bestattungen in Muschelhaufen, den Køkkenmøddingern. Im Spätmesolithikum verbreitet Kopfbestattungen (z. B. Große Ofnethöhle, Hohlenstein-Stadel, Kaufertsberg). Neben Grabgruben auch Bestattungen in Rindensärgen und Booten. Teilweise wurden Geräte, wie Messer oder Mikrolithen mit ins Grab gegeben, auch Gerölle mit roten und schwarzen Punkten oder Schmuck. Oft ist das Grab mit Ocker bedeckt worden. Skelettreste von Hunden deuten auf erste Haustiere im M. hin.

Inventar: Das Inventar ist gekennzeichnet durch Mikrolithen, die mit Birkenpech verklebt und geschäftet, zur Bewehrung von Harpunen, Fischspeeren und Pfeilen dienen; sowie Feuersteinbeile, die in Zwischenfutter aus Geweih geschäftet sind sowie Lyngby-Beile. An Kunst finden sich Felsbilder in Südwesteuropa, Nord- und Südeuropa, sowie in Osteuropa und Nord- und Südamerika. Kleinkunst in Form reich verzierter Knochen- und Geweihgeräte; Menschenfiguren und Elchzepter aus Geweih in Karelien.

Kulturell-chronologische Einordnung: Das M. wird in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Ostdeutschland in Alt- und Jungmesolithikum unterteilt, in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland Pfalz in Frühmesolithikum oder Beuronien (auch in der Westschweiz) und Spätmesolithikum. In Norddeutschland und Dänemark Unterteilung in Maglemose Kultur (Duvensee- und Oldesloer Gruppe) sowie Ertebølle-Kultur. Im nördlichen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen entspricht älteres und jüngeres M. der Halterner und Boberger Stufe, sowie der Hülstener Gruppe (jüngeres M. im westlichen Nordrhein-Westfalen).

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Archäologischer Kalender 2020

Darmstadt: wbg Philipp von Zabern 2019, 24 S., 20 Euro


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Zahnformel

Auch Gebissformel oder Zahnschema genannt.