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New Archaeology

Von: Dr. Martin Baumeister
Die »New Archaeology« (N.A.) kam in den sechziger Jahren in Amerika und England auf, als jüngere Forscher, unter dem Eindruck des allgemeinen wissenschaftlichen Fortschritts und des modernen Zeitgeistes, der »Alten« Archäologie vorwarfen, dass sie alte Kulturen nur beschreiben und nicht erklären würde.

Im Vergleich mit Natur- und Sozialwissenschaften, wurde die kulturhistorische Ausrichtung des Faches als unwissenschaftlich gesehen, eine Orientierung an der Anthropologie propagiert. Wichtigster Vertreter dieser Kritik wurde Lewis Binford. Die zentrale Forderung der N.A. war eine Verwissenschaftlichung und Objektivierung der Forschung, mit planmäßiger Formulierung und Überprüfung von Hypothesen. Relevante Daten sollten durch neue Grabungsmethoden sowie naturwissenschaftlichen und mathematisch-statistischen Verfahren gewonnen werden. In der Interpretation sollte der Fokus auf kulturelle Prozesse (deshalb auch: Processual Archaeology), das menschliche Verhalten, nicht die Artefakte, gelegt werden. Die Forderung nach Objektivität führte zur Anwendung der Allgemeinen Systemtheorie, um vergangene Gesellschaften als aus Subsystemen bestehende Systeme zu untersuchen. Es wurde dabei vorausgesetzt, daß kulturelle Prozesse im System als Anpassung an externe Umwelteinflüsse ablaufen. Abgelehnt wurden traditionelle Erklärungen für kulturellen Wandel wie Wanderungen und Kulturdiffusion. Die N.A. fand weltweit in unterschiedlichem Maß Beachtung. In Deutschland wurden ihre Forderungen mit einiger Verzögerung diskutiert. Die stärker historische Ausrichtung der Archäologie lies sich hier jedoch nicht ignorieren (so lieferten etwa schriftliche Quellen durchaus Beispiele von Diffusion und Völkerwanderungen). Die mit großem Selbstbewusstsein auftretende N.A. rief Widerstand auch bei solchen Forschern hervor, die ihre methodischen Anregungen durchaus begrüßten. Es wird kritisiert, daß die N.A. zu funktionalistisch und zu schematisch vorgeht, und psychologische Faktoren sowie menschliche Individuen als historische Akteure vernachlässigt. Bemängelt wird der positivistische Glaube, daß die Archäologie in der Lage sei, alles zu erklären, und die Fiktion einer objektiven Wissenschaft. Die Wirkung der N.A. ist also zwiespältig, aber es lässt sich nicht abstreiten, dass durch sie die Archäologie tatsächlich zu einer wissenschaftlicheren Arbeitsweise gefunden hat.

Buchrezension:
Auferstehung der Antike

Archäologische Stätten digital rekonstruiert

Darmstadt: wbg Philipp von Zabern 2019, 132...


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Zahnformel

Auch Gebissformel oder Zahnschema genannt.