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Auf den Spuren der Varusschlacht

Haltern am See - Kalkriese - Detmold
Text: Melanie Ippach

9 n. Chr. irgendwo im nördlichen Deutschland: Der hoch verdiente römische Statthalter Publius Quinctilius Varus gerät mit seinen drei Legionen und einigen Hilfstruppen in einen germanischen Hinterhalt. Die Schlacht wurde zu einer der größten Katastrophen der römischen Geschichte. Aber wo genau sollte diese stattgefunden haben? Vom 30. September bis zum 4. Oktober 2009 machten sich 22 Leser der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ auf die Suche nach diesem geschichtsträchtigen Ort. Denn es gibt unzählige Orte, die den Titel beanspruchen. Einig ist man sich mittlerweile nur, dass ein Teil der Schlacht in der Region um Kalkriese stattgefunden haben muss – die Funde dort sprechen für sich.

Die fünftägige Reise führte uns unter anderem zu den drei beeindruckenden großen Ausstellungen, die anlässlich des 2000. Jahrestags der Varusschlacht konzipiert wurden. Zunächst ging es nach Detmold, wo die Ausstellung „Mythos“ zeigte, wer „die Germanen“ überhaupt waren und wie sie lebten, wie die Römer sie sahen und wie sich die Varusschlacht auf die deutsche und europäische Geschichte ausgewirkt hat. Hochkarätige Exponate aus 500 Jahren deutscher und europäischer Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte führten uns vor Augen, wie aus Varus’ Gegner, dem mittlerweile zu „Hermann“ eingedeutschten Cheruskerfürsten Arminius, eine der wichtigsten Symbolfiguren der Deutschen wurde.

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Nach einem kleinen Rundgang durch Detmold ging es geradewegs zum Hermannsdenkmal auf der Grotenburg, wo ein zeitreisender Skalde die Gruppe durch Flötenspiel und das einmalige Wissen eines „Zeitzeugen“ zu unterhalten wusste.

Nach einer hoch informativen Führung bei den mythenumwobenen Externsteinen, ging es auch für uns auf Zeitreise und wir genossen mit reichlich Speis, Trank und Gesang ein original teutonisches Gelage. Dass dabei nicht etwa Hirsebrei serviert wurde, sondern Brot, Kartoffeln, Rohkost und Fleisch mit leckeren Dips, trübte die ausgelassene Stimmung der Speisenden keineswegs.

Der Folgetag führte bei passendem, weil regnerischem Wetter nach Kalkriese, wo die aufwändig gestaltete Dauerausstellung und das präparierte Freigelände die Schlacht regelrecht erlebbar machen. Die Ausstellung „Konflikt“ gab mit ihren zahlreichen herausragenden Exponaten, die ihren Weg unter anderem aus Skandinavien nach Kalkriese fanden, einen Einblick in die germanische Kultur, die auf deutschem Gebiet nach und nach die römische verdrängte. So führten uns etwa nahezu vollständig erhaltene Grabinventare die soziale Differenzierung innerhalb der germanischen Gesellschaft eindrücklich vor Augen.

Nach einem Rundgang durch das nahegelegene Osnabrück kamen wir im berühmten Friedenssaal der Stadt in den Genuss eines Vortrags von Carsten Niemeyer, der uns während der fünf Tage begleitet und in unterhaltsamen Führungen seine Heimat näher gebracht hatte. Im passenden Ambiente diskutierte man darüber, welchen Friedensbegriff die Römer überhaupt hatten und ob sie ‚Frieden’ im modernen Sinne überhaupt kannten.

Am vorletzten Tag ging es nach Haltern: Hätte Varus in der Schlacht nicht unterlegen, wäre hier das Verwaltungs- und Militärzentrum der geplanten römischen Provinz im rechtsrheinischen Germanien entstanden, wie die Dauerausstellung im LWL-Römermuseum eindrücklich bezeugt. Die Ausstellung „Imperium“ schloss dann den Kreis: Man warf einen Blick weit zurück zu den Anfängen Roms, um anschließend, bedeutenden Exponaten folgend, die gesamte römische Geschichte zu durchwandern. Bekannte Stücke, wie der sogenannte Togatus Barberini, hatten ihren Weg ebenso nach Haltern gefunden wie, um nur ein Beispiel zu nennen, einige noch nie gesehene Reliefs, die scheinbar erstmalig das Magazin auf dem Kapitolshügel in Rom verlassen haben.

Ein Abstecher in das Freilichtmuseum Oerlinghausen am Folgetag rundete die Reise mit einer Führung durch den Museumsdirektor ab, ehe sich die Archäologie-Begeisterten reich an neuen Erkenntnissen wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreuten.

Alles in allem war es ein einmaliges Erlebnis, einmal auf den Spuren des Varus oder des Arminius zu wandern, sich in drei hervorragend umgesetzten Ausstellungen rund um den Konflikt vor 2000 Jahren zu informieren und ganz nebenbei noch einiges Wissenswerte über die Region Westfalen-Lippe zu erfahren.

Bildnachweis: Bild 2, 4 und 5: Ernst-Otto Finger, Lich

 

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AiD-Lexikon:
Zahnformel

Auch Gebissformel oder Zahnschema genannt.