Reportage

Der Steinzeit-Tempel vom Göbekli-Tepe

Text: Michael Zick, Verlagsredakteur DVA, Stuttgart.

Nordöstlich der Stadt Sanliurfa in der Südosttürkei liegt der 15 m mächtige und etwa 300 m im Durchmesser messende frühneolithische Siedlungshügel Göbekli Tepe. Seit Mitte der 90er-Jahre gräbt Dr. Klaus Schmidt vom DAI Berlin dort eine gewaltige Kultanlage aus, die mindestens um 9000 v. Chr. errichtet wurde. Die Sensation: Erbauer und Nutzer dieser Anlage waren noch Jäger- und Sammler. Der Prähistoriker des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin war in den langgewellten Kalksteinbergen bei Sanliurfa (früher Urfa) eigentlich auf der Fährte des Feuersteins, dem Stahl der Steinzeit. Davon fand er auf dem Göbekli Tepe so viel – in allen Bearbeitungsphasen von der Steinknolle bis zu Feuersteinschaber, -sichel und -pfeilspitze –, dass sich der Gedanke an eine Flint-Manufaktur aufdrängte. Als die Archäologen die steinige Oberfläche ankratzten wurde schnell klar, dass auf dem Bergkamm mehr lag als eine Freiluftwerkstatt: Ein Meter unter der Oberfläche kamen grosse, sauber geglättete T-Pfeiler, relativ grob geschichtete Mauern von runden und rechtwinkligen Räumen und feingeschliffene Terrazzoböden zum Vorschein. Die Drei-Meter-Monolithe sind mit einer ganzen Menagerie an reliefierten Tiergestalten wie zähnefletschenden Füchsen, horngewaltigen Stieren, Schlangen, schnatternden Enten, einem hauerbewehrtem Wildschwein und einem brüllenden Löwen verziert. Neben dem berechtigten Finderstolz packt Klaus Schmidt ab und an die schiere Verzweiflung: Er kann seine Funde mit nichts vergleichen. »Je mehr Zeit verstreicht,« meint Schmidt, »umso sicherer wird, dass Göbekli Tepe ein Unikat ist.« Ein rituelles Zentrum für steinzeitliche Sammler und Jäger einer ganzen Region, die periodisch und für beschränkte Zeit quasi-sesshaft wurden um die Stelen zu meißeln, den Tempel zu errichten und, wie die Grabungsbefunde belegen, zu renovieren. Aber: Wo ist der Mensch in Göbekli Tepe? Das DAI-Team hat bislang keinerlei Lebensspuren gefunden – keinen Wohnraum, Herdstelle oder Alltagsgegenstände. Es ist erst ein verschwindender Teil der vermuteten Siedlungsfläche aufgegraben und bis auf den gewachsenen Felsuntergrund sind die Ausgräber noch nirgends vorgestoßen. Dennoch verfestigt sich bei Schmidt die Überzeugung: »Dies ist ein Ort der Toten, eine gigantische Anlage für einen komplexen Jenseitskult.« (...)

Den ausführlichen Originalbeitrag finden Sie in Heft 5 / 2002.

 

Diese Ausgabe ist nicht mehr erhältlich

 

Buchrezension:
Medicus

– Medicus – Die Macht des Wissens
Darmstadt: wbg THEISS 2019, 256 S., 240 Abb., 30 Euro


AiD-Lexikon:
Zahnformel

Auch Gebissformel oder Zahnschema genannt.

Buch-Tipp:
Pest!

Katalog zur Ausstellung in Herne